Das macht Employer Branding anspruchsvoller als die Produktion von Recruiting-Content. Denn bevor entschieden wird, was veröffentlicht werden soll, gibt es bereits etwas, das kommuniziert werden kann: die tatsächliche Erfahrung mit dem Unternehmen.

Die Arbeitgebermarke entsteht auch ohne Marketing

Ein Unternehmen ohne Karriereseite hat trotzdem einen Ruf als Arbeitgeber. Ein Betrieb, der nie einen Recruiting-Post veröffentlicht, wird trotzdem von seinen Mitarbeitern bewertet. Und ein Bewerber macht sich auch dann ein Bild vom Unternehmen, wenn die Firma selbst keine Arbeitgeberkommunikation betreibt.

Er hört vielleicht von einem ehemaligen Kollegen, dass die Zusammenarbeit gut funktioniert. Er kennt jemanden, der dort arbeitet. Er liest eine Bewertung. Er sieht die Fahrzeuge des Unternehmens auf der Straße. Er sucht bei Google nach dem Namen. Oder er sitzt beim Vorstellungsgespräch und erlebt, wie mit ihm umgegangen wird.

All diese Kontaktpunkte tragen zur Arbeitgeberwahrnehmung bei.

Das ist der Grund, warum Employer Branding nicht mit Kommunikation beginnt. Kommunikation kommt hinzu. Sie kann Dinge sichtbar machen, einordnen und verständlich machen. Aber sie trifft auf eine Realität, die bereits existiert.

Mitarbeiter erleben Arbeitgeber anders als Follower

Das wird besonders deutlich, wenn Unternehmen versuchen, ihre Arbeitgebermarke über Social Media aufzubauen.

Auf Instagram sieht man ein Teamfoto beim Sommerfest. Auf LinkedIn wird eine neue Mitarbeiterin begrüßt. Es gibt einen Beitrag über die Weihnachtsfeier und vielleicht ein kurzes Video aus der Produktion. Alles kann vollkommen authentisch sein. Trotzdem sagt es relativ wenig darüber aus, wie es ist, dort jeden Montagmorgen zu arbeiten.

Denn Mitarbeitererfahrung besteht aus anderen Dingen. Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie viel Verantwortung gibt es? Wie wird mit Fehlern umgegangen? Wie verbindlich sind Absprachen? Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Abteilungen aus? Was passiert, wenn ein Kunde ein Problem hat? Wie wird jemand eingearbeitet?

Vieles davon lässt sich nicht in einem schönen Foto zeigen. Es prägt die Arbeitgebermarke trotzdem erheblich.

Das bedeutet nicht, dass solche Inhalte nutzlos sind. Ein Sommerfest kann etwas über den Umgang miteinander erzählen. Ein Mitarbeiterinterview kann Einblicke geben. Ein Blick in die Produktion kann Arbeitsumgebung und Aufgaben sichtbar machen. Entscheidend ist nur, dass Kommunikation nicht mit der Realität verwechselt wird.

Social Media ist ein Kanal, keine Strategie

Die Frage „Auf welchem Kanal sollten wir Recruiting machen?“ kommt deshalb häufig zu früh.

Bevor über Instagram, LinkedIn oder andere Plattformen gesprochen wird, muss klar sein, wen ein Unternehmen erreichen möchte und welche Informationen diese Menschen benötigen. Ein Auszubildender sucht möglicherweise andere Orientierung als eine erfahrene Ingenieurin. Ein Servicetechniker braucht andere Informationen als eine Führungskraft. Und jemand, der das Unternehmen bereits kennt, braucht andere Argumente als jemand, der zum ersten Mal davon hört.

Die Plattform kann anschließend eine Rolle spielen. Sie bestimmt aber nicht automatisch die Strategie.

Ein Unternehmen kann auf Instagram sehr sichtbar sein und trotzdem keine klare Vorstellung davon vermitteln, wie die Arbeit dort aussieht. Es kann auf LinkedIn regelmäßig posten und dennoch keine Antwort darauf geben, welche Perspektiven Fachkräfte erwarten können. Umgekehrt kann ein Betrieb mit wenig Social-Media-Aktivität eine sehr klare Arbeitgeberkommunikation haben, weil Website, Stellenanzeigen, persönliche Gespräche und Mitarbeiterempfehlungen zusammenpassen.

Jeder Kontaktpunkt hat eine andere Aufgabe

Recruiting-Kommunikation funktioniert deshalb eher wie ein System verschiedener Kontaktpunkte als wie eine Sammlung von Posts.

Eine Karriereseite kann einen umfassenden Überblick geben. Eine Stellenanzeige kann eine konkrete Aufgabe erklären. Google kann dafür sorgen, dass ein Unternehmen überhaupt gefunden wird. Eine Empfehlung durch Mitarbeiter schafft Vertrauen. Ein Messegespräch ermöglicht persönliche Fragen. Social Media kann Einblicke in den Arbeitsalltag geben. Das Vorstellungsgespräch macht aus einem anonymen Interessenten eine konkrete Begegnung.

Keiner dieser Kontaktpunkte muss alles leisten.

Das wird wichtig, weil Unternehmen sonst versuchen, jeden Kanal mit denselben Aussagen zu bespielen. Dann steht überall „flache Hierarchien“, „tolles Team“ und „attraktive Benefits“, während die wirklich relevanten Informationen fehlen.

Gute Arbeitgeberkommunikation verteilt Informationen sinnvoll. Sie fragt nicht zuerst, was auf Instagram gepostet werden kann, sondern welche Frage ein Mensch an diesem Kontaktpunkt vermutlich gerade hat.

Widersprüche werden schnell sichtbar

Besonders problematisch wird Kommunikation, wenn sie etwas verspricht, das Menschen anschließend nicht erleben.

Ein Unternehmen kann beispielsweise mit großer Eigenverantwortung werben. Im Vorstellungsgespräch stellt sich dann heraus, dass jede Entscheidung über mehrere Ebenen freigegeben werden muss. Es kann „flexible Arbeitszeiten“ versprechen, während die praktische Arbeitsorganisation kaum Spielraum lässt. Oder es zeigt eine moderne Arbeitsumgebung, obwohl der Arbeitsplatz der ausgeschriebenen Position ganz anders aussieht.

Solche Widersprüche werden nicht dadurch kleiner, dass die Kommunikation professionell gestaltet ist.

Im Gegenteil: Je stärker ein Unternehmen etwas behauptet, desto deutlicher fällt die Abweichung auf, wenn die Erfahrung nicht dazu passt.

Deshalb ist Employer Branding auch eine Frage der Konsequenz. Kommunikation muss nicht perfekt sein. Sie sollte aber zur Realität passen.

Dinge, die man nicht posten kann

Ein Teil der Arbeitgebermarke besteht aus Eigenschaften, die sich kaum als Content produzieren lassen.

Wie ein Vorgesetzter auf einen Fehler reagiert, kann man nicht glaubwürdig inszenieren. Ob Kollegen einander tatsächlich helfen, lässt sich nicht durch ein Teamfoto beweisen. Ob neue Mitarbeiter vernünftig eingearbeitet werden, entscheidet sich nicht auf der Karriereseite. Und ob jemand nach zwei Jahren mehr Verantwortung übernehmen kann, ist keine Social-Media-Frage.

Diese Dinge müssen nicht zwangsläufig kommunikativ unsichtbar bleiben. Man kann Erfahrungen von Mitarbeitern beschreiben, konkrete Beispiele nennen oder Situationen zeigen. Aber die Grundlage bleibt das tatsächliche Verhalten des Unternehmens.

Employer Branding ist deshalb immer auch Organisationsarbeit. Nicht jede Arbeitgeberbotschaft lässt sich durch bessere Kommunikation lösen.

Erst Realität, dann Kommunikation, dann Kanal

Eine sinnvolle Reihenfolge beginnt deshalb nicht mit dem Redaktionsplan.

Zuerst steht die Frage: Wie erleben relevante Menschen das Unternehmen tatsächlich? Danach: Was davon ist für welche Zielgruppe relevant? Dann: Was davon muss erklärt, sichtbar gemacht oder vielleicht auch verändert werden? Erst anschließend stellt sich die Frage, über welchen Kontaktpunkt diese Information am sinnvollsten vermittelt wird.

Das kann Social Media sein. Es kann aber genauso gut eine Stellenanzeige, ein Gespräch, eine Karriereseite oder eine Mitarbeiterempfehlung sein.

Fazit

Employer Branding beginnt also nicht dort, wo das Unternehmen anfängt, über sich zu sprechen. Es beginnt dort, wo Menschen Erfahrungen mit dem Unternehmen machen. Kommunikation kann daraus eine verständliche Arbeitgebermarke machen. Sie kann Widersprüche sichtbar machen oder Vertrauen schaffen. Sie kann aber nicht dauerhaft ersetzen, was im Unternehmen selbst fehlt.

Wer das versteht, muss weniger versuchen, auf Instagram „attraktiv“ zu wirken. Stattdessen kann er zeigen, was tatsächlich attraktiv ist – und für wen.

Die Grundlage vor dem Kanal

Employer Branding beginnt mit einer klaren Vorstellung davon, wofür ein Unternehmen als Arbeitgeber steht. Der nächste Artikel beleuchtet den Unterschied zwischen guter Arbeitgeberqualität und einer erkennbaren Arbeitgebermarke.